Anita rät „Augen zu und durch“

Das war strange! Oder, nach der Lehre eines mir bekannten Chefredakteurs: Das war sehr seltsam! Heute hatte ich einen Termin in meiner ehemaligen Schule. Einen dienstlichen Termin. Ich sollte dort für eine Tageszeitung über den Besuch des allerersten Abiturjahrgangs berichten. Eigentlich ein normaler Termin … der damit endete, dass mich der Direktor fragte, ob er die Ex-Schüler auch bitten sollte, nett zu mir zu sein und meine Fragen zu beantworten. Das hatte er eine Sekunde vorher für die 15-Jährigen getan, die den Besuch für das Schuljahrbuch dokumentierten.

Dummerweise ist mir in dem Moment keine souveräne, schlagfertige Antwort eingefallen. Und warum? Weil bei solchen Besuchen nicht nur Ex-Lehrer in alte Rollenmuster zurück fallen, sondern auch Ex-Schüler, in diesem Fall also ich. Das ist wirklich gruselig. Da stand ich also mit Block, Kamera und Kuli und fühlte mich als würde ich „Zehn Fragen an …“ für die Schülerzeitung recherchieren.

Es gelang mir auch gegenüber den ersten Abiturienten nicht, meinen Status von „süße Ex-Schülerin mit Ambitionen“ in „Journalistin mit Erfahrung“ zu ändern. Dabei sind die nur 15 Jahre älter als ich, weil mein Gymnasium erst nach der Wende eröffnet wurde.

Dabei hatte ich mich auf den Termin wirklich gefreut. Die Schule ist außen renoviert und innen besser ausgestattet, aber die Klassenräume sehen noch aus, wie früher. Da noch mal an der Tafel zu stehen, war schon irgendwie cool. Im gleichen Moment aber fühlte es sich an, als hätte ich vergessen, die Geschichte-Jahreszahlen zu lernen und wäre trotzdem zur mündlichen Leistungskontrolle aufgerufen wurden. Mich schüttelt es immer noch!

Ich glaube, in dieser Situationen hilft nur, sich schnell wieder zu verabschieden – und hinterher solide Arbeit abzuliefern. Aber da lauert schon die  zweite Falle: Die Verlockung, besonders gefällig zu schreiben, ist nach solchen Terminen riesig. Irgendwie will man den Ex-Paukern dann ja doch beweisen, dass man ein Profi ist und richtig schön schreiben kann. Dumm nur, dass sich ein Profi von einem talentierten Laien eben dadurch unterscheidet, dass er nicht (nur) schön schreibt. Trotzdem bin ich heilfroh, dass an einem Treffen des ersten Abi-Jahrgangs wenig kritikfähiges ist.

Ich bin noch ein bisschen traumatisiert und habe kaum genug Zeit, mich zu erholen. Nächste Woche steht ein großes Familienfest an und das ist fast das Gleiche wie ehemalige Lehrer zu treffen. Man findet sich zwangsläufig sofort in der Kind-Rolle wieder (besonders in Gegenwart der Großeltern, wenn die mit eher weitläufig verwandten Tanten zusammen stehen, die einen schon „Du-bist-aber-gewachsen“-lange nicht mehr gesehen haben).

Vermeiden lässt sich diese Degeneration wohl nur, wenn man radikal mit Ex-Lehrern und der Familie bricht. Das wäre aber schade, denn wie soll man mitbekommen, dass alte Mitschüler am Leben – oder kleinen Stationen davon – ebenso (oder heftiger) gescheitert sind als man selbst, wenn man nie wieder zu einem Klassentreffen gehen kann? Und was die buckelige Verwandtschaft angeht: Nur die wenigsten sind so schlimm, dass man wirklich auf sie verzichten will. Ein bisschen Fremdschämen gehört eben dazu – umso mehr, je älter die Verwandten sind.

Da der endgültige Bruch also ausfällt, bleibt nur eins und Anita rät: Augen zu und durch! Lehrer und Großeltern werden einen nie – und nochmal ganz langsam: NIE – vollständig als Erwachsenen und schon gar nicht als Profi in irgendwas sehen. Und wir sind nicht in der Lage, in ihnen etwas anderes als Lehrer und Großeltern zu sehen. Also hilft hier nur eins: aussitzen.

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