Gebt die Fantasie wieder frei!

Manchmal versuche ich mir vorzustellen, wie es wirklich war, als nur Männer Hosen trugen, Frau beim Treppensteigen elegant fünf Kilo Rock lüpfen musste und die Art des Fächerns Auskunft über Willigkeit und Wollust gab. Natürlich bilde ich mir gerne ein, dass ich zu eben diesen Fächer-Frauen gehört hätte, also zu denen, die drei Mal am Tag das Kleid wechselten, weil es unschicklich war, vormittags das Gleiche zu tragen wie abends. Zu denen, deren härtester Job es war, verheiratet zu werden – und daran dummerweise ohne Zugang zu Kirschkernen auch nichts ändern zu können (daraus lässt sich Zyankali machen). Sehr viel wahrscheinlicher ist es indes, dass ich zu den Frauen gehört hätte, die froh waren, einen einzigen Rock zu besitzen, die statt eines Fächers Wasserbottiche, Melkkannen und jedes Jahr einen anderen Säugling durch die Gegend trugen. Immerhin waren zum Beispiel im Sachsen des 16. Jahrhunderts 76 Prozent der Menschen Bürger oder Bauern, 22 Prozent gehörten noch niedereren Schichten an und nur 0,6 Prozent hatten das Glück in eine von-Familie geboren worden zu sein.

Aber wenn ich in alten Schlössern stehe, sehe ich mich nie mit niedergeschlagenen Augen durch die dunklen Dienstbotengänge huschen, sondern in großer Robe und mit echten Klunkern am Leib die Freitreppe herunterschweben (natürlich nachdem ich aus Liebe, aber trotzdem einen unverschämt reichen, charmanten und absolut treuen Mann geheiratet hatte). In meiner Fantasie bin ich ebenso schön wie klug, kann lesen, schreiben, rechnen, reiten, singen, nähen, sticken, Klavier und Harfe spielen, einen Haushalt managen, reisen und zusätzlich eine Millionen anderer Dinge, die Frauen – egal aus welcher Schicht – damals ganz gewiss nicht gemacht haben. Oder zumindest nicht, wenn ihnen daran lag, nicht verb(r)annt zu werden.

 

Meine Vorstellung der „guten, alten Zeit“ habe ich eben aus Beißerromanen – jenen historischen Liebesschmonzetten, auf deren Cover sich der attraktive, selbstbewusste, sehr männliche männliche Held stets so über die Heldin neigt, als wollte er sie gleich beißen. Und bevor jetzt die Bildungselite da draußen pikiert eine Augenbraue hebt: Lesen bildet. Auch wenn es sich um solche Bücher handelt. Dass Waterloo in Belgien liegt und nicht etwa, wie der Name bzw. seine landläufige Aussprache vermuten lassen könnte, im angelsächischen Raum, weiß ich nicht etwa aus der Schule. Nein, das lernte ich aus einem Roman, in dem die Heldin ihrem liebsten Offizier an die Front nachreist. Natürlich ohne Anstandsdame, aber auch ohne dass ihr etwas geschah. Aber was kümmern mich diese Details, ein wichtiger historischer Fakt prägte sich mir ein, den ich vorher nicht kannte. Also haben sich die 360 Seiten schon gelohnt – auch aus Bildungselitensicht.

 

Mir geht diese Einteilung ohnehin fürchterlich auf den Geist: Diese Bücher sind Literatur, diese Schund. Diese muss man gelesen haben. Für diese sollte man sich vorher einen neutralen Schutz-und-Versteck-Umschlag besorgen. Blödsinn! Ich habe immer in Phasen gelesen. Ich hatte eine Shakespeare-Phase, der ich es verdanke, dass ich heute alle seine Komödien kenne. Ich hatte eine lange Beißerromane-Phase, eine ausgeprägte Moderne-Liebesroman-Phase, eine kurze Thriller-Phase, eine ebensolche, in denen ich Bücher las, in denen Menschen über ihre eigenen Schicksale schrieben. Gerade geht meine Vampir- und Fantasyphase zu Ende. Und ich empfand alle diese Phasen als förderlich. Alles, was ich gelesen habe, hat mich in irgend einer Weise weitergebracht. Immer habe ich etwas gelernt – oft genug über mich selbst.

 

Ich habe immer gelesen. Aufs Rechnen hätte ich gut und jederzeit verzichten können, aber allein fürs Lesenlernen hat sich die Schule gelohnt. Vorher las ich meine Bücher Wort für Wort vor, nachdem ich sie durchs Vorlesenlassen auswendig gelernt hatte. Danach las ich Straßenschilder und Verpackungen, Plakate und Kassenbons. Ich buchstabierte mich durch Zeitschriften und Hinweisschilder, bis ich endlich gut genug war, um Bücher zu lesen. Kinderbücher, Schneiderbücher, Enid Blyton und Astrid Lindgren, Alexander Wolkow und Arkadi Gaidar. Bis ich ungefähr 14 war, fand meine Mutter es zwar nervig, dass ich morgens zum Fertigwerden drei Mal so lange brauchte wie meine Schwester, weil ich auf dem Klo, beim Zähneputzen, sogar beim Anziehen nur eine Hand gebrauchen konnte – die andere hielt das Buch. Im großen und ganzen aber war sie froh, dass ich las, viel las, statt mir andere, weniger unverfängliche und ungefährliche Hobbys zu suchen. Und dann kam ich in die „Schund“-Phase. Dann schlug die Pubertät zu und mit ihr meine Stunde der Beißerromane. Mein Taschengeld ging releglmäßig für neue Ausgaben von Jennifer Blake oder Johanna Lindsey drauf. Ich las sie einmal, zwei, zehnmal. Und meine Mutter tobte, weil ich endlich „richtige Literatur“ lesen sollte. Ich schmökerte mich in eine andere Welt. In eine, in der Helden existierten, die meine Fantasie stärker beflügelten als der Banknachbar, der beim Anblick der Klassenschönheit feuchte Hände bekam. Mein erster Schwarm war kein Popstar oder Sportler, sondern ein verwegener Pirat aus dem 17. oder 18. Jahrhundert. Ich habe mit Liebesromanen heraus gefunden, welche Art Männer ich mögen könnte – und das dann viel später dem Realitätscheck unterzogen. War ich dadurch ein verträumter, eher einzelgängerischer Teenager ohne große Anbindung an Gleichaltrige? Ja. Bin ich deshalb eine wunderliche, sozialphobische Erwachsene mit unrealistischen Erwartungen an das Leben und die Liebe geworden? Ich glaube nicht.

 

Also bitte, hört auf, Bücher in gute und schlechte, in Qualität und Schund einzuteilen. Jedes Buch ist für irgendjemanden ein gutes Buch. Aber ebenso kann jedes Buch für jemand anderen ein miserables sein. Und manchmal müssen Mensch und Buch auch erst reifen, um zu einander zu passen. Manche Bücher öffnen sich einem erst mit einer bestimmten Lebenserfahrung, einem bestimmten Gefühl im Bauch oder einem bestimmten Schmerz im Herzen. Deshalb sind sie aber vorher kein Schund. Wenn ihr Proust und Brecht liebt, genießt sie, aber rümpft nicht die Nase über jene, die sich in Nora Roberts oder Rosamunde Pilcher verlieren können. Solange eine Geschichte jemanden berührt, eine Liebe zwischen Buchdeckeln Sehnsucht befriedigt (wie kurz auch immer), ein Dialog auf Papier Nachdenken auslöst oder eine Handlung eine kleine Flucht vor den Sorgen und Ängsten des Alltags erlaubt, ist ein Buch immer ein gutes Buch.

 

Vielleicht erlaubt ihr euch selbst mal wieder, zu lesen wie ein Kind, das davon überzeugt ist, dass alles geht – auf Wildgänsen fliegen, den Zauberer in der Smaragdenstadt finden, mit dem Kopf in einer Suppenschüssel feststecken, alles! Erlaubt euch zu lesen, worauf ihr Lust habt, statt zu lesen, was Kritiker für unverzichtbar halten. Sie können sich irren, wie man kürzlich in Dresden gesehen hat. Lasst eurer Fantasie die Flügel schießen, nicht nur beim Lesen, sondern zum Beispiel auch, wenn ihr in alten Schlössern steht. Und vergesst den Verstand, der euch sagt, dass ein Erwachsener sich albernen Tagträumen nicht hingibt. Schon gar nicht solchen, die historischer Überprüfung nicht stand halten. Malt euch euer Leben, wie ihr es haben wollt. Fünf Minuten, in denen alles möglich ist, sind fünf Minuten Kraft für die restlichen 1435 Minuten des Tages, in denen die Vernunft auf der Fantasie herumtrampelt. Ich jedenfalls träume mich weiter in die Rolle der Prinzessin, Baroness oder Gräfin, wenn ich eine Freitreppe sehe. Und ich finde es kein bisschen verwerflich, dass meine Tagträume dabei Lichtjahre an der Realität des echten Lebens im 16., 17., 18. oder 19. Jahrhunderts vorbeigehen. Traut euch, träumt mit!

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